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"Gesundheitsförderung ist ein nie endender Prozess"

Erwin Merz, Pflegedirektor und stellv. Geschäftsführer im Krankenhaus Pirmasens

"Gesundheitsförderung ist ein Prozess, der nie endet: Um ihn am Leben zu halten, braucht man Menschen, die sich dafür einsetzen." Das hat Erwin Merz, Pflegedirektor und stellv. Geschäftsführer im Krankenhaus Pirmasens, gelernt. Deshalb setzt man im Krankenhaus Pirmasens auf Verbesserungen der technischen Ausstattung, um Belastungen durch Heben, Bewegen oder Tragen zu reduzieren, und unterstützt zusätzlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei, bewusst mit ihrer Gesundheit umzugehen. 2012 beschloss die Krankenhausleitung Beschäftige in Techniken zum rückengerechten Arbeiten zu schulen und verband Kinästhetik-Schulungen mit dem Hilfsmitteleinsatz und einem Multiplikatorenansatz. Kinästhetik beschäftigt sich mit der Lehre der Bewegungswahrnehmung und -steuerung. "In den Kursen lernen die Beschäftigten, wie sie die Patientenaktivität gezielt unterstützen und gleichzeitig ihren Rücken entlasten", erklärt Pflegedirektor Erwin Merz.

Eckdaten

  • Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung
  • Dienstleistungen: Diagnostik und Therapie
  • Anzahl der Patientinnen und Patienten / Jahr: 16.500 (Tendenz steigend)
  • Anzahl der Beschäftigten in Voll- und Teilzeit: 125 Ärztinnen und Ärzte, 430 Pflege- und Funktionskräfte (zum Beispiel aus OP und Diagnostik), 100 Beschäftigte aus dem medizinisch-technischen Dienst, 430 Beschäftigte in der Therapie, Verwaltung, im Service und Management und Verwaltung, rund 1.000 Beschäftigte insgesamt
  • Errichtet 1989, Pirmasens/Südwestpfalz
  • www.kh-pirmasens.de
  • Ansprechpartner: Erwin Merz, Pflegedirektor und stellv. Geschäftsführer/Prokurist: e.merz@kh-pirmasens.de
  • Was wurde bewegt? Förderung des rückengerechten Arbeitens durch die strategische Kombination von Hilfsmitteleinsatz, Schulungen zu Kinästhetik in der Pflege und Begleitung im Arbeitsalltag durch Multiplikatoren und Multiplikatorinnen

Wie bekomme ich alle mit ins Boot?

Die Unternehmensleitung ist fest entschlossen

"Seit Jahren steigt die Belastung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", erklärt Erwin Merz, stellv. Geschäftsführer und Pflegedirektor. „Die Zahl der Patientinnen und Patienten nimmt von Jahr zu Jahr zu, sie werden älter, ihre Erkrankungen komplexer." Da sei die Rückengesundheit besonders gefährdet. Eine erste Befragung der Beschäftigten ergab, dass 78 Prozent ihre Rückengesundheit als mittelmäßig oder schlecht einschätzen. Zugleich erklärten 68 Prozent, die angebotenen Hilfsmittel selten oder nie zu nutzen. "Daran müssen und wollen wir etwas ändern", so Merz.

Alle Führungskräfte sind eingebunden

"Wir haben die obere und die mittlere Führungsebene aus Stations- und Abteilungsleitern von Anfang an in unser Vorhaben mit einbezogen", erklärt Erwin Merz. "Wir wissen: Wenn die Führungskräfte nicht mitmachen, sind innovative Maßnahmen nicht durchsetzbar."

Externe Experten sind eingebunden

Im Jahr 2016 schlossen die Unfallkasse Rheinland-Pfalz und das Krankenhaus Pirmasens einen Kooperationsvertrag, der das Projekt bis zum Frühjahr 2018 finanziell unterstützt: Die Unfallkasse beteiligt sich an den Kosten für die Ausbildung eines Gesundheits- und Krankenpflegers zum Kinästhetik-Trainer (Stufe 3) und für die Anschaffung von Hilfsmitteln. Erwin Merz: "Besonders wertvoll aber ist, dass die Expertise der Unfallkasse in unser Projekt mit einfließt. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen, tauschen uns aus und lassen uns beraten. Die Experten der Unfallkasse haben uns projektbezogen beraten, etwa bei der Formulierung der Fragen in den Mitarbeiterbefragungen im Rahmen des Projektes zu MSE in 2016 und 2017 oder bei der Auswahl neuer Hilfsmittel."

Wie schaffe ich die notwendigen Voraussetzungen?

Zeit, Geld, Material und Personal bereitstellen

Für die inhaltliche Vermittlung kinästhetischer Methoden bildet das Krankenhaus Pirmasens einen Mitarbeiter zum Kinästhetik-Trainer aus: Seit 2012 gibt der Fachkrankenpfleger der Intensiv- und Anästhesiepflege Gerald Huber Grundkurse zur Kinästhetik in der Pflege.

Für die Schulungsteilnehmerinnen und -teilnehmer finden die vier mal acht Stunden umfassenden Schulungen in der Arbeitszeit statt. Alle notwendigen Hilfsmittel – von neuen Hebehilfen bis zur Anti-Rutsch-Matte – wurden angeschafft beziehungsweise alte durch neue Materialien ersetzt.

Sobald Herr Huber die Ausbildungsstufe 3 abgeschlossen hat, sollen Aufbaukurse für die Beschäftigten des Städtischen Krankenhaus Pirmasens durchgeführt werden, um die Anwendung, das Verständnis und die Qualität weiter zu verbessern.

Zusätzlich beauftragte die Krankenhausleitung Gerald Huber damit, seine Kolleginnen und Kollegen dabei zu unterstützen, das Erlernte im Berufsalltag umzusetzen. Für diese Aufgaben ist er mit einem Viertel seiner Stelle freigestellt.

Wie ermutige ich andere zu Veränderungen?

Es gibt Kümmerer

Der Trainer, Fachkrankenpfleger der Intensiv- und Anästhesiepflege Gerald Huber, kommt aus den eigenen Reihen und kennt die Rahmenbedingungen im Krankenhaus. Er schult Kolleginnen und Kollegen, begleitet und evaluiert in regelmäßigen Abständen die Anwendung in der Praxis. Außerdem koordiniert er die regelmäßigen Besprechungen mit Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Dies sind Pflegekräfte, die bei ihm einen Grundkurs Kinästhetik absolviert haben. Sie helfen auf ihrer Station Kolleginnen und Kollegen bei der Anwendung der Techniken zum rückengerechten Arbeiten und sind gleichzeitig Ansprechperson bei kollegialen Fragen zu diesem Thema.

Wie schaffe ich ein gesundheitsförderliches Unternehmensklima?

Das Vorhaben wird regelmäßig thematisiert

Das Vorhaben, die Rückengesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Kinästhetik-Schulung und die konsequente Anwendung der bereitstehenden Hilfsmittel zu verbessern, steht regelmäßig auf der monatlich stattfindenden Führungskräftekonferenz. Fortschritte, Beschlüsse und weiterführende Maßnahmen werden von dort in die wöchentlich tagenden Stationstreffen zu den Beschäftigten getragen und mit ihnen besprochen.

Nachfragen, um besser zu werden

Wer an einer Schulung teilgenommen hat, wird um Feedback gebeten: Direkt nach der Schulung, werden die Fragebögen ausgegeben und von Erwin Merz und Gerald Huber ausgewertet. Alle sinnvollen Anregungen und Vorschläge fließen in die weitere Schulungskonzeption ein.

Darüber hinaus wird das Projekt evaluiert. Lisa Schütz, eine ehemalige Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, die ein duales Studium Pflege im Städtischen Krankenhaus Pirmasens absolvierte, hat ihre Bachelor Arbeit darüber geschrieben und führte 2016 und 2017 Befragungen zu Nutzen und Nachhaltigkeit der Schulungen durch: Die Fragen reichten zum Beispiel von "Wie viele Transfers führen Sie pro Schicht durch?" über "Wie häufig werden Sie dabei von Teamkollegen unterstützt?" bis zu "Wie hoch schätzen Sie die Effektivität der Kinästhetik in Ihrer alltäglichen Arbeit ein?". 2017 wurde der Bogen um die Frage "Wie häufig setzen Sie Kinästhetik in der alltäglichen Arbeit ein?" ergänzt. Die Auswertung wird ergeben, ob die Schulung angenommen wird und die Gesundheit der Beschäftigten verbessert.

Erwin Merz erwartet die Ergebnisse gespannt: "Sie werden darüber Auskunft geben, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das neue Wissen anwenden und die Hilfsmittel häufiger nutzen und ihre Rückengesundheit verbessern konnten, kurz: ob unser Präventionsangebot angenommen wurde und erfolgreich ist", so der Pflegedirektor. "Wenn nicht, müssen wir die Ursachen erforschen und entsprechende Angebote machen."

Was kennzeichnet nachhaltige Maßnahmen?

Kontinuität und Bezug zu den Arbeitsplätzen und Beschäftigten

Die Kurse finden, so Pflegedirektor Merz "etagenweise" statt: Aufsteigend von Stockwerk zu Stockwerk werden zunächst alle Pflege- und Funktionskräfte einer Etage geschult. "Dadurch stellen wir sicher, dass wir auch wirklich alle erreichen und der Kenntnisstand bei der Zusammenarbeit von benachbarten Stationen gleich ist", so Merz. Es ist geplant mittelfristig auch Beschäftigte anderer Berufsgruppen, zum Beispiel des Reinigungsdienstes, in das Schulungskonzept einzubinden.

Zwölf Stockwerke hat die Klinik. "Wenn wir dort oben angekommen sind, fangen wir wahrscheinlich wieder unten an: Neue Beschäftigte kommen hinzu, andere verlassen uns, manche gehen in Elternteilzeit: Gesundheitsförderung ist ein nie endender Prozess."

28.02.2018

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